Wieder einmal Serendipity ...

Pünktlich im Vorfeld des 89. Geburtstags (26.03.) meines Freundes Bob van de Velde und zum 25. Gründungsjubiläum der Emanuel Lasker Gesellschaft bescherte mir der "gelenkte Zufall" ein wunderbares Geburtstagsgeschenk. Ausgangspunkt war diese E-Mail von Anthony Saidy (ebenfalls *1937), einem langjährigen Lasker-Fan und Mitglied der CH&LS: Höchstes Niveau bei bescheidener Beteiligung

Tony schrieb am 10.02.2026 in der ihm üblichen Weise:

Reminds of an exchange I had in 1978 w. a Soviet colleague.
"I saw where a bridge club in L'grad was closed down by the police. Why?"
"We are not to do such things w/o authorization."
In mid-1930s the great German-Jewish world champion (holding the crown for 27 years till 1921) also a mathematician & philosopher, made a move eastward w. his wife. Incredibly, at age 66 he sailed thru the Moscow 1935 intl. tournament w/o a single loss, just a half-point behind the winners.
But Lasker did not like USSR at the height of the purges (all foreigners being under suspicion) and skirted to the scene of his overwhelming 1924 tnt. victory well ahead of the man who had dethroned him, NY.
There he found living under FDR more copacetic than either Hitler or Stalin. After all, it was his friend Einstein's adopted country. He died there in 1941 at 72 - and my oblivious(to chess) parents had not taken me at 4 to meet him. (Yes, I also walked on the earth w, Capablanca & Alekhine.)
He was adept at more than one game, and even created his own, "Laska." It did not catch on any more than the chicken farm that the chess colossus once tried to run, near Berlin.

Lasker Бридж методы и искусство игры. Riga 1930s. Russian avant garde book bridge
Pre-Owned $99.99 + $10.00 delivery, located in Latvia

Natürlich war ich "elektrisiert" und konnte - da Tony verzichtete - das Büchlein zum "Einstandspreis" erwerben. Und entgegen der Ankündigung in Ebay war es komplett, ein phantastischer Fund.

Obwohl Emanuel Lasker vor allem als Schachweltmeister bekannt ist, war er auch ein erstklassiger Bridge-Spieler. Er entwickelte eigene Theorien und veröffentlichte 1929 bei Scherl, Berlin Das verständige Kartenspiel mit einem ausführlichen Kapitel über verschiedene Varianten des Bridge. Der ebenfalls als Autor genannte Robert Frederick Foster (1853-1945) war einer der weltweit führenden Experten für Whist und Bridge und erfand die sogenannten „Foster Echo“-Regeln.(https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Frederick_Foster)

Bob van de Velde stellt in der Monografie 2009 (Not Only Chess), aber vor allem in Emanuel Lasker Volume II Lasker as a Bridge expert 2020 dessen Beiträge zu diesem strategischen Kartenspiel ausführlich dar. Sicherlich setzte sich Lasker intensiv mit den damals gängigen Theorien von Experten wie Foster auseinandersetzte, um sein eigenes Spielverständnis zu schärfen. Auf eine Beziehung zwischen R.F. Foster und Em. Lasker wurde aber nicht eingegangen.

Dieses russischsprachige Büchlein über Bridge von R. Foster und Em. Lasker, erschienen Ende 1932 beim Verlag MARS in Riga, scheint ein seltenes Sammlerstück zu sein.

  • Titel: Бридж Методы и искусство игры (Bridge Methoden und Kunst des Spiels)
  • Autoren: „Составлено по материалам“ (Zusammengestellt nach Materialien von): Р. Фостер и Эм. Ласкер (R. Foster und Em. Lasker)
  • Verlag: МАРС (MARS), Riga (Dezember 1932)
  • Umfang: 54 Seiten

Es erschien in russischer Sprache, da Riga vor dem Zweiten Weltkrieg ein bedeutendes Zentrum für russischsprachige Publikationen im Baltikum war. Im Vorwort heißt es u.a.: „... dass dieses Buch, da es der erste russische Leitfaden zum Studium des Bridge ist, auf Sympathie bei allen Liebhabern dieses Spiels stoßen wird.“ Dies bestätigt eine Bibliografie der russischsprachigen Bridge-Literatur. (Lässt sich unmittelbar in Englische übersetzen.) (https://ftp.bridgescanner.com/Pages/BSSB/Old_site/Misc/LiteratureRus.html)

In der führenden russischsprachigen Tageszeitung Rigas, Segodnja (Heute), finden sich im November und Dezember 1932 (passend zu Laskers Besuch) Werbeanzeigen des Verlags MARS. Die Broschüre ist in Listen mit „Neuerscheinungen“ oder „Praktischen Ratgebern“ aufgeführt. Die Ankündigung lautet schlicht „Бридж, Фостер и Ласкер“ (Bridge. Foster und Lasker). Es wurde damals für etwa 1 bis 1,50 Lats verkauft – ein typischer Preis für populäre Broschüren der 1930er Jahre.

Das Büchlein fasst die Bridge-Regeln und Strategien zusammen, wobei es sich auf die damals weltweit anerkannten Autoritäten beruft: Robert Frederick Foster lieferte die technische Basis und die Regelauslegungen (oft basierend auf seinem Foster’s Bridge Manual). Die im Büchlein erläuterte Punktwertung entspricht dem sogenannten Auction Bridge (oder einer frühen Form des Contract Bridge), wie es Foster in seinen Handbüchern Ende der 1920er Jahre darstellte. Emanuel Lasker steuerte die spieltheoretischen und mathematischen Überlegungen bei, die er in seinen eigenen Bridge-Studien entwickelt hatte. So erläutert S. 35 das „Spielsystem“ und die „Verteilung der Kräfte“. Interessanterweise wird hier die mathematische Wahrscheinlichkeit betont – ein Thema, das ganz klar die Handschrift von Emanuel Lasker trägt. Lasker war dafür bekannt, Kartenspiele nicht nur als Glücksspiel, sondern als stochastisches Problem zu betrachten. Es wird erklärt, wie man die Stärke eines Blattes einschätzt, um das richtige Gebot (Announce) abzugeben.

Wahrscheinlich basiert es auf dem entsprechenden Kapitel in Das verständige Kartenspiel, eine lettische Ausgabe (Prātīga kāršu spēle) erschien 1931 bei Burtnieks in Riga. Letztlich war Laskers Name sicherlich als "Aushängeschild". Diese "gemeinsame" Publikation ist ein sogenanntes Herausgeberwerk, das Texte beider Autoren enthält, um die verschiedenen Schulen des Bridge (die technische von Foster und die logische von Lasker) zu vereinen. Eine aktive Zusammenarbeit der beiden an einem Manuskript gab es gewiss nicht.

Emanuel Lasker war am 20. Dezember 1932 für eine Simultanvorstellung im Rigaer Schachverein zu Gast (er gewann 21 Partien, verlor 2 und spielte 5 Remis). Solche Besuche wurden damals wie Staatsbesuche zelebriert. Für einen Verlag wie MARS war Laskers physische Anwesenheit in der Stadt die perfekte Gelegenheit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Büchlein entweder pünktlich zu diesem Besuch erschien und dadurch massiv beworben wurde. In der lettischen Presse (z.B. der russischsprachigen Zeitung Segodnja) wurde Lasker nicht nur als Schachgenie, sondern explizit auch als Bridge-Autorität angekündigt.

Das Büchlein fehlt in der Meissenburg-Bibliografie zu Emanuel Lasker:
Egbert Meissenburg (1937-2024) Bibliography of Lasker´s Writings in der Bearbeitung von Richard Forster (Stand 2020) in Emanuel Lasker Volume III (Exzelsior Berlin 2022), sozusagen "der "Goldstandard" der Lasker-Forschung.

Somit ein schöner Geburtstagsfund für Bob van de Velde und die Emanuel Lasker Gesellschaft. Mein besonderer Dank geht an Tony Saidy, der am 16.05. seinen Geburtstag feiert.

Michael Negele

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