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Bevor Andy Ansel auf das Geschehen in Cleveland eingeht, berichtet
Michael Negele über seine Fiske-Forschungen und
ergänzt einige Fotos vom Zwischenstopp in Island (auf der Hinreise)
und vom Besuch der Niagara-Fälle / Toronto im Anschluss an das Cleveland-Treffen:
Wer sich an meinen Beitrag THE KING OF COLLECTORS AND HIS PEERS in KARL
4/2004 erinnert, weiß, dass ich mich dort schon mit Daniel Willard
Fiske beschäftigt hatte.
Mittlerweile war es mir gelungen, etliche der von seinem Nachlassverwalter
Horatio S. White herausgegebenen Werke zu erwerben und in dieses hochinteressante
Leben tiefer einzutauchen. Fiske kann man viele Titel zuweisen: "Büchersammler,
Bibliothekar, Sprachgenie, Schriftsteller, Schachspieler, Schachorganisator,
Schachschriftsteller, Journalist, Universitätsprofessor, unsteter
Reisender, streitbarer Bürger".
Kristín Bragadóttir: Willard Fiske - vinur Íslands
og velgjörðamaður
(Einband-Rückseite) |
Im genannten KARL schrieb ich:
Prof.
Daniel Willard Fiske (*11.11.1831, +17.09.1904 in Frankfurt a. M.), ein
Mann von ungewöhnlicher Energie, dessen bewegtes Leben kurz umrissen
sei.
Fiske hatte in ganz jungen Jahren
wegen seiner Begeisterung für nordische Sagen in Kopenhagen und Uppsala
studiert und kehrte 1852 nach New York zurück. Er war ein wahrer
Schachenthusiast; so gab er zusammen mit Paul Morphy und später auch
Sam Loyd von 1857-1860 das "Chess Monthly" heraus. Ebenfalls
wohl Fiskes Verdienst war das Zustandekommen des "First American
Chess Congress New York 1857", das von ihm verfasste Turnierbuch
ist ein bibliophiler Leckerbissen. Später flachte Fiskes Interesse
am Schach merklich ab, er reiste viel durch Europa und angeblich löste
er seine (erste) umfangreiche Sammlung an Schachliteratur auf. (Davon
berichtet von der Lasa in der DSZ, April 1864, S. 99.)
Von 1868 bis 1883 war er dann Dozent für Nordische Sprachen an der
neu gegründeten Cornell University in Ithaca, N.Y., gleichzeitig
wurde er als deren erster Bibliothekar geführt. Im Juli 1880 heiratete
Fiske die tuberkulosekranke Millionenerbin Jennie McGraw, die kaum zwei
Jahre später nach einer gemeinsamen Reise nach Italien verstarb.
Um jenen beträchlichen Teil ihres Erbes (ca. 1 Mio. US-$), den Mrs
McGraw-Fiske der Cornell University stiftete, entwickelte sich, ausgelöst
durch eine scheinbar nur formale Hürde in der Universitätssatzung,
ein jahrelanger erbitterter Rechtsstreit zwischen dem Witwer und der Cornell
Universität.
Bis vor den Supreme Court der USA gelangte dieser für die amerikanische
Rechtsprechung bedeutende "Last will case", letztlich erhielt
Fiske in Jahre 1890 recht. Offenbar hatte sich Fiske damals über
gewisse Modalitäten zur Nutzung des neu einzurichtenden Bibliotheks-gebäudes
mit zwei Treuhändern der Universität nicht einigen können.
Die Fronten hatten sich rasch verhärtet, da Fiske sich in der Erbschaftssache
vom Testamentsvollstrecker und den Treuhändern unzureichend informiert
(und hintergangen) fühlte und in Folge auf einen Passus im Erbrecht
des Staates New York pochte, der verhinderte, dass mehr als 50% einer
Erbschaft gemeinnützigen Zwecken zufallen konnten.
Bereits 1883 hatte sich der exzellente Dante-Kenner Fiske im Streit mit
der Cornell University nach Italien in die Nähe von Florenz begeben,
um dort seinen Forschungen nachzugehen. Er baute sich erneut eine umfängliche
Schachbibliothek auf, die er später der isländischen Nationalbibliothek
(Landsbokasafn) in Reykjavik gestiftet hat. 1901-02 gab er eine Schachzeitschrift
in isländischer Sprache (I Uppnami = En prise) heraus, posthum erschien
1905 sein Werk "Chess in Iceland". Seine großartige Dante-Sammlung
(7000 Bände) vermachte Fiske jedoch zusammen mit seiner restlichen
Bibliothek (10 000 Titel über Island, 1200 Bände raeto-romanische
Literatur, mehr als 3500 Bände über Petrarca) und einem beträchtlichen
Nachlass (ca. 500 000 US-$), der Cornell University; offensichtlich war
Fiskes Groll nach über 20 Jahren verflogen.
Mein
Reisegefährte Bob van de Velde
im isländischen Flughafen Keflavík. |
Diesmal
stimmte ich mich sozusagen mit einem kurzen Besuch auf Island ein (Leider
fehlte die Zeit für einen Abstecher nach Reykjavík, was ca.
50 km vom Flughafen Keflavík entfernt liegt.), um dann in der Cleveland
Public Library insbesondere in das Mysterium um das sogenannte Rou(x)-Manuskript
einzutauchen. Für einen "Hunter of the lost books" wäre
dieses angeblich 1734 erstellte Manuskript natürlich ein besonderer
Leckerbissen, aber vielleicht hat es ja Fiske tatsächlich "erfunden",
wie die Herren Eugene B. Cook, John G. White und John Keeble hartnäckig
behaupteten. Näheres dazu ist meiner Präsentation zu entnehmen,
in der CPL findet sich die feinsäuberlich von Hand ausgearbeitete Argumentation
John Keebles (von 1925), warum ein solches Manuskript nicht existiert haben
kann. Der Brief von J.G. White an Keeble (aus März 1926) ist nachfolgend
verlinkt: Seite
1 / Seite
2.
Hier meine Präsentation auf der Mitgliederversammlung: Daniel
Willard Fiske - An American Pioneer of Chess Book Collecting (PDF, im
Mitgliederbereich; 5,5 MB)
Doch nicht nur zu Daniel Willard Fiske, sondern auch zu Emanuel Lasker sowie
zu einem weiterem "lost book" fand sich neues, bislang unentdecktes
Material in dieser Schatztruhe für jeden Schachforscher.
Michael
Negele zwischen isländischen Felsbrocken. |
Island-Karte
- zum Vergrößern anklicken! |
Von
Cleveland ging es dann über Toronto nach Niagara Falls, womit ich mir
einem Kindheitstraum erfüllen konnte. Am nächsten Nachmittag traf
ich mich dann mit unserem Mitglied Ken MacDonald in der kanadischen Metropole
am Lake Ontario - was will man mehr erwarten?
Michael Negele
Drei
KWA-Mitglieder, die es schon einige Tage vor mir zu den
Niagara-Fällen geschafft hatten. |
Blick
vom Sheraton-Hotel, die Niagara-Fälle im Hintergrund.
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